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 12. – 13. Juni 2015: 100 Km von Biel 

Luis

 Eine „Aktion, die stark vom Alltäglichen abweicht, aber prinzipiell dem rechten Weg nicht zuwiderläuft“. So beschreibt der Schriftsteller und leidenschaftliche Hobbyläufer Haruki Murakami seine Triebfeder um einmal an einem 100 Kilometer Lauf teilzunehmen. 

Das, so finde ich zumindest, lässt sich als Begründung für meinen Start beim Ultramarathon in Biel übernehmen ohne darüber nachdenken zu müssen, was denn in meinem Leben ein bisschen seltsam gelaufen sein dürfte, um ebenfalls auf so eine Idee zu kommen. 

Wenn schon einmal 100 Kilometer, dann sollte es der Klassiker werden: Die 100 Km von Biel, die es seit 1959 gibt. Eine einzige, überraschend schwierige 100 Kilometer lange Schleife durch das Schweizer Seenland. Zwar findet sich nirgends eine Angabe über die Höhenmeter, nach dem Streckenprofil werden es aber an die 500 sein. 

  

Kurz vor dem Start um 22 Uhr formuliert die Unsicherheit überhaupt so weit laufen zu können einen bösen Gedanken. Nämlich den, dass ich eben eine Strecke vor mir habe, deren Halbdistanz schon in der Lage ist mich an mein Limit zu bringen. Ich überblende ihn mit dem Text, den mir mein Freund Georg über ein SMS geschickt hat:  „Genieße das Abenteuer vom ersten Moment an“.

 Um Mitternacht passiere ich Aarberg. Hier habe ich im Vorjahr bei meinem ersten Versuch, völlig entnervt von der noch vor mir liegenden Strecke aufgegeben. Diesmal gibt es kein Problem und auch den ersten Marathon bringe ich halbwegs gut hinter mich. Nur die Nacht habe ich unterschätzt. Stundenlang nur die nächsten Meter im Lichtkegel vor mir zu sehen und sonst nichts, ist psychisch gar nicht so einfach. Richtige Gespräche zwischen den Läufern kommen auch nicht auf, nur kurze Bemerkungen. Manche führen Selbstgespräche. „Das ist dann schon ein bisschen gespenstisch“, sage ich zu mir selbst. Immerhin, in den Ortschaften die wir passieren herrscht Volksfeststimmung.  

Nach 55 Kilometern bin ich kaputt, genauer gesagt sind es meine Oberschenkel. Und jetzt kommt noch ein Problem dazu: Ein schmaler Weg durch den Wald an einem Fluss entlang in absoluter Dunkelheit, mit Wurzeln und Steinen. Die Taschenlampe, eine Leihgabe von Christian, wird zur absoluten Notwendigkeit. Doch wie fast alles im Leben hat auch diese Medaille zwei Seiten: Ich muss mich derart darauf konzentrieren nicht zu stolpern, dass ich die Schmerzen und die Müdigkeit fast vergesse.  

 

Danach wechseln physische Hochs und Tiefs, Steigungen und Flachstücke ab. Ich habe mich noch nie zuvor so gequält, bin aber so gut unterwegs dass ich mich nach jeder Verpflegungsstelle wieder motivieren kann weiter zu laufen.  „Bis zur Nächsten“, nehme ich mir vor. Und dann wieder „Bis zur Nächsten“. „Biel - 11 Kilometer“, steht am Wegweiser. Da weiß ich, ich werde es schaffen. Und dann, genau nach 11 Stunden und 37 Minuten, decken sich Traum und Wirklichkeit. „Irgendwann gelangst du nach Biel“, hätte mir als Zitat beim überqueren der Ziellinie einfallen können. Tatsächlich gelange ich immerhin zur Erkenntnis, dass die eben zurückgelegte Strecke echt wirklich Ur-Weit gewesen ist. Und jetzt? Körperlich stehe (oder besser sitze) ich kurz vor einem Kreislaufkollaps und versuche meinen Zustand mit einem Cola in der Hand an einem Betonsockel gelehnt und dessen Farbe annehmend zu verbergen. Emotional aber bin ich in einem Hoch und dort bleibe dort auch.