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Medoc – mir passiert mein erster Marathon – die Geschichte meines schönsten Genusslaufes

Michi Hondl

 

Vor Jahren, zu Beginn meiner Laufkarriere (2006), erzählt mir eine Lauffreundin mit so einer Begeisterung von einem Marathon in Medoc (damals wusste ich nicht einmal wo das liegt), dass ich mir sagte: wenn jemals einen Marathon, dann diesen.

Die Jahre vergehen – ich kämpfe zunächst mit den 10km und schließlich wage ich mich zu den Halbmarathons vor.

Wenn ich gerade gut und schnell laufe meldet sich mein Körper und sagt genug. Ich muss immer wieder Monate mit dem Training aussetzen, um dann erneut mit Begeisterung von vorne anzufangen. Ich bin zufrieden, diesen schönen Sport für mich entdeckt zu haben und lerne damit umzugehen eben „nur“ eine Genussläuferin zu sein.

Ein Marathon war daher für mich unvorstellbar.

Zusätzlich, was hört man/frau da ja immer wieder?

Muskelkrämpfe, Kreislaufkollaps, Muskelkater, blaue Zehen und abgehende Nägel, Blasen an den Füßen, schmerzende Hüften und Knie …. warum soll ich mir das antun?

Doch nach Jahren des Vergessens kommt wieder Medoc ins Gespräch – die Freunde des Laufsports bieten eine Reise zu „meinem“ Marathon an! Und plötzlich erwische ich mich, wie ich buche, obwohl ich noch keine Ahnung habe, wie ich das bewältigen soll.

Ab Mai 2013 dehne ich meine Longjogs aus um vorsichtig meinen Körper auf die geplante Distanz vorzubereiten.

Doch wie das Schicksal so spielt wirft mich mein Drahtesel ohne Vorwarnung auf die Donauinsel, und ich habe eine luxierte Schulter mit Knochenabsplitterung, geprellte Rippen und eine gebrochene Großzehe. Also schon wieder kein Training möglich. Ich rechne und rechne und stelle mit Schrecken fest, dass das Zeitlimit von 6 ½ Stunden nicht nur im Gehen zu bewältigen ist.

18 Tage vor Medoc schaffe ich es wieder langsam zu laufen. Die Zehe wird getaped und weiter liebevoll mit Eisbeutel behandelt und juchuu, es geht – besser gesagt es läuft.

Ich beschließe, zumindest die ersten 21km zu laufen, denn ich weiß aus Erfahrung, dass ich einen Halbmarathon ohne Training schaffe. Und schließlich will ich ja wenigstens ein paar Châteaus sehen.

Völlig entspannt, locker und vor allem neugierig gehe ich an den Start.

Und der Lauf wird zum Genuss!

Die bunte Schlange der 8000 LäuferInnen zwischen den grünen Weinstöcken trägt mich mit.

Die Stimmung ist wie bei einem Volksfest – fast alle LäuferInnen sind so mit Photographieren und Verköstigen beschäftigt, dass das Laufen wie von alleine geht.

In den Chateaus wird gestoppt, besichtigt, zur Live-Musik getanzt und von den Schmankerln (von süß bis sauer wie Chips, Käse, Obst,… und die nobel in Gläsern bereitgestellten Weinproben gekostet.

Bei km 6 möchte ich gerne einen Schluck Wasser. Ich stelle mich bei einer langen Schlange an und was bekomme ich: Wein, kein Wasser zu haben! Na gut, ich lasse mich überreden und schnappe mir ein Gläschen. Genau in diesem Moment erkennt mich Trude und kommt auf mich zu. Ich verteidige mich gleich, dass es da leider nur Alkohol gibt. Trude lacht und wir zwängen uns gemeinsam beim Chateau wieder raus. Da finde ich endlich eine kleine volle frische Wasserflasche. Diese trage ich die nächsten 33km zur Sicherheit bei mir – völlig unnötig, denn ab da ergattere ich immer auch Wasser.

Kaum bin ich wieder auf der Laufstrecke beobachte ich die schönen originellen Kostüme nach dem Motto Science Fiction (ich selber trage einen Regenbogenfischhut als utopischer Bewohnerin des Sternes Schuppe auf dem Kopf – am Beginn stört er mich, aber als ein Lüftchen aufkommt bin ich froh, dass ich ihn habe) , genieße die Landschaft und schon bin ich wieder beim nächsten Weingut angekommen. Wie im Flug vergehen die ersten 19km. Nun musste ich mich entscheiden: unser Bus wäre zum greifen nahe. Aber es geht alles so leicht (vielleicht machen das die kleinen Schlucke Wein?). Ich entscheide mich einfach weiter zu laufen und zu schauen wie weit ich komme. Mein Tempo schraube ich runter.

Meine bis dahin jemals weiteste gelaufene Distanz war 27km, das kann ich doch heute auch. Und schon geht es gemütlich weiter. Bei km27 denke ich mir: „30 ist auch eine schöne Zahl“ – und schon bin ich nach ein paar Trink- und nun auch Schmankerlpausen (Powerriegel habe ich ja nicht mit und das Essen hier schmeckt sowieso besser)bei km 30. Ich merke, dass meine rechte Hüfte nicht so wirklich rund läuft und beschließe noch bevor sie wirklich schmerzt ein Stückchen zu gehen. Ist ohnedies gerade ein Anstieg zu bewältigen und ich muss ja nicht übertreiben. Oben angekommen wartet die nächste Band und das im Takt bewegen wird wieder zum Laufen. Wie schaut das nächste Chateau aus, wie ist dort der Garten und was wird dort serviert?

Entlang der Strecke sitzen die Franzosen auf ihren mitgebrachten Mobiliar beim Mittagessen und Prosten uns zu. Die Stimmung ist sehr ausgelassen, auf der Laufstrecke wird gesungen, starke LäuferInnnen motivieren und helfen den Schwächeren, mittlerweile kennt man/frau seine Mitgefährten und lacht sich freudig zu, macht Photos und genießt (zumindest in meiner Umgebung - Lauftempo ca. 7:00 den Kilometer - war das so).

Schließlich erblicke am Fuße des Hügels den breiten Fluss Gironde und 2 Jediritter schnappen mich und tragen mich laut grölend ca. 100m zur nächsten Verkostung.

Ab nun geht es flach entlang dem Ufer und es werden Austern (die lasse ich aber aus), Champagner und super weiches feines Entrecotes (da stelle ich mich gleich 2x an) angeboten.

Es läutet mein Handy und Sabine sagt: „Du musst unbedingt versuchen ins Ziel zu kommen, es gibt einen tollen Rucksack!“ „Ich erreiche auf jeden Fall das Ziel – ich bin bei km 40!“ – und mir wird jetzt erst so richtig bewusst, wie weit ich schon gelaufen bin. Meine Wasserflasche ist noch immer fest in meiner Hand und nun erst trau ich mich sie wegzuschmeißen (was ich später bereue, denn irgendwie war sie mir wichtig).

Verdammt, wie lange ist so ein Marathon denn nun wirklich? Wieso habe ich nie so richtig aufgepasst? 42 und wie viel Meter? ….schließlich will ich ja ein schönes Finisherphoto! Na egal, wenn wieder alle zum Laufen beginnen, dann bin ich dem Ziel sicher schon sehr nahe. Noch eine Kurve (irgendwie schade, dass es gleich vorbei ist) und ich laufe stolz und sehr glücklich ins Ziel.

Der Rucksack ist wirklich schön und wird von einer fürsorglichen Frau mit einer Flasche Medocwein bestückt.

Ich stoppe und oh Wunder: keine Schmerzen, nur muskelmüde. Und was das Tollste ist: das bleibt auch so. Nichts von verloren gegangenen Zehennägeln, keine Blasen, keine sonstigen Schmerzen und nur ein relativ leichter Muskelkater am nächsten Tag, der vor allem das Aufstehen interessant machte!

Mir ist dieser Marathon „einfach passiert“ – mein längster (knapp unter 6h) und schönster Genusslauf!

Danke an alle, die mir diesen Lauf ermöglicht haben!